Zum Aussterben der Dinosaurier

 

Theorien über Theorien. Das Aussterben (Extinktion) der Dinosaurier am Ende des Mesozoikums gehört zu den Lieblingsthemen populärer Veröffentlichungen über diese interessanten Tiere. Erste Diskussionen und Vermutungen über die Gründe dieses Ereignisses kamen bereits kurz nach der Entdeckung der ersten Dinosaurier-Überreste Mitte des 19. Jahrhunderts auf, und bis heute ist dies ein beliebtes Gebiet für Spekulationen jeglicher Art geblieben. Interessanterweise widmete man sich bereits dem Aussterben der Schreckensechsen noch bevor gesicherte Erkenntnisse über deren Biologie vorlagen, und so ist es nicht verwunderlich, daß die überwiegende Mehrzahl aller aufgestellten "Theorien" zur Erklärung dieses Phänomenes aus heutiger Sicht überaus grotesk anmutet. Zum größten Teil handelt es sich dabei schlechthin um vage Vermutungen und wirre Phantasien, auf die an dieser Stelle nur am Rande eingegangen werden kann.

Nach einen der ersten in Erwägung gezogenen Erklärungsversuche, waren die Dinosaurier wohl einfach zu groß, um auf Noah's Arche zu passen und fielen so der einsetzenden Sintflut, dem ersten großen Strafgericht des Alten Testamentes (1. Moses - Genesis 6, 5 bis 23), zum Opfer. Andere "Theorien" sprechen von "inneren Verstrickungen", welche den Giganten zum Verhängnis wurden: schrumpfendes Gehirnvolumen, verrutschte Bandscheiben, Verdauungsstörungen, extreme Kurzsichtigkeit, Fortpflanzungsunlust und selbst tödliche Langeweile. Es wurde sogar behauptet, die Dinosaurier seien von frühen Menschen ausgerottet worden. Beweise dafür bieten angeblich die Fährtenvorkommen der unteren Kreide des Paluxy Rivers, Texas. Hier befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu typischen Dinosaurierspuren menschenähnliche Fußeindrücke. Bei diesen, insbesondere in kreationistischen Werken immer wieder gern angeführten Funden handelt es sich allerdings um geschickt angelegte Fälschungen, die vielleicht schon aus indianischer Zeit Amerikas stammen (Milne & Schafersman, 1983). So läßt sich beispielsweise eine Fährte ovaler, menschenähnlicher Eindrücke parallel zu den Hinterfußabdrücken eines großen Ornithopodens über eine Strecke von 450 m verfolgen. Beide Fährten verlaufen völlig synchron mit gleicher Schrittlänge, so daß man die angeblichen Menschenspuren wohl eher als Eindrücke der Vorderfüße des Ornithopodens betrachten muß. In der Tat ähneln die Spuren der bei quadrupeder Lokomotion aufgesetzten Hände dieser Dinosaurier denjenigen des menschlichen Fußes ohne Zehen, wie man sich anhand der Iguanodon-Fährten aus dem oberen Jura bzw. der unteren Kreide Europas überzeugen kann (vergleiche Abb.). Die nordamerikanischen Handabdrücke zeigen zusätzlich Zehen, welche jedoch, von wem auch immer, nachträglich eingemeiselt wurden.

Mitunter wurde behauptet, die kleinen mesozoischen Säugetiere hätten in ihren Freßgewohnheiten eine besondere Vorliebe für die Eier der Schreckensechsen entwickelt und dadurch maßgeblich zu deren Aussterben beigetragen. Sicherlich fraßen die damaligen Säuger auch Dinosauriereier. Es ist aber völlig unvorstellbar, daß relativ kleine Säugetierpopulationen die Eier sämtlicher Schreckensechsen vertilgen konnten. Andere "Theorien" setzen Dinosaurier mit Schildkröten gleich. Letztere sind unfähig, bei ihrer Nahrungsaufnahme giftige pflanzliche Alkaloide geruchlich oder geschmacklich wahrzunehmen und ihren Genuß zu vermeiden. In Analogie dazu wurde angenommen, die herbivoren Dinosaurier hätten sich beim Genuß dieser in Blütenpflanzen enthaltenen Stoffen langsam vergiftet und seien so allmählich zugrunde gegangen. Mit dem Verschwinden der großen Pflanzenfresser hätte es dann auch den fleischfressenden Schreckensechsen an Nahrung gefehlt - sie verhungerten. Diese Vorstellungen lassen ganz außer acht, daß die Alkaloide enthaltenen Blütenpflanzen bereits in der mittleren Kreide, also etwa 40 Millionen Jahre vor dem Aussterben der Dinosaurier in Erscheinung traten und daher vielen Generationen herbivorer Schreckenechsen vorzüglich Nahrung gaben.

Was passierte jedoch wirklich am Ende der Kreidezeit? Warum starben die Dinosaurier aus? Die Beantwortung dieser Frage setzt eine möglichst genaue Rekonstruktion der damaligen Gesamtsituation voraus, welche nur auf der Basis des geologischen Befundes abgeleitet werden kann. Hierfür besitzen natürlich insbesondere die Gesteinsfolgen eine herausragende Rolle, die den Übergang zwischen Kreide und Tertiär möglichst lückenlos repräsentieren. Aber gerade in den Grenzbereichen zwischen einzelnen Perioden und Systemen sind Lücken in der geologischen Überlieferung die Regel, so daß es durchaus möglich wäre, daß der für das Aussterben der Dinosaurier wichtige Zeitraum sedimentär und fossil nicht belegt ist. In wenigen Regionen der Erde ist jedoch der Übergang vom Mesozoikum zum Känozoikum relativ vollständig erhalten.

Darüberhinaus muß darauf hingewiesen werden, daß nicht nur die Dinosaurier diesen Übergang nicht überlebten, sondern auch eine Vielzahl anderer Organismengruppen unterschiedlichster Lebensbereiche. Von den Reptilien starben u.a. die Flugsaurier, die Fischsaurier, die Plesiosaurier und die Mosasaurier aus. Die Krokodile und Schildkröten nahmen nur kleinere Einbußen hin, ebenso die Säuger und die Vögel. Viele marine Weichtiere erlöschten dagegen nachkommenslos (z.B. Ammoniten, Belemniten, Rudisten). Deutliche Verluste mußten auch im Meer lebende Einzeller erdulden. Besonders stark vom Aussterben betroffen waren dabei die planktonischen Foraminiferen.

Zur Ursachenfindung für den im fossilen Beleg an der Kreide-Tertiär-Grenze beobachtbaren Fauneneinschnitt muß zunächst geklärt werden, ob es sich dabei um verschiedene Aussterbeereignisse handelt, die unabhängig voneinander zu unterschiedlichen Zeiten stattfanden, oder ob diese sich gleichzeitig vollzogen und demnach auf eine gemeinsame Ursache zurückzuführen sind. Aber gerade hierüber gehen die Meinungen auseinander. Während einige der Extinktionsforschung verschriebene Wissenschaftler von einem simultanen Sterben aller angeführten Organismengruppen sprechen (u.a. Raup, 1986), gehen andere von mehreren Aussterbeereignisse zu verschiedenen Zeiten der höchsten Stufe der Oberkreide, des Maastricht, aus (u.a. Stanley, 1984). Sollte sich jedoch definitiv herausstellen, daß auch nur einige der Phänomene zeitlich miteinander in einem sehr engen Zusammenhang stehen, so muß eine das Aussterben erklärende Theorie auf sämtliche an diesem Ereignis beteiligten Formen anwendbar sein, darf sich also nicht nur auf eine einzige Organismengruppe beschränken (wie im Falle verschiedener Vorstellungen zur Extinktion der Dinosaurier).

Gegenwärtig werden zwei grundlegende Theorien zur Erklärung des Artensterbens am Ende der Kreidezeit diskutiert. Dabei kommt es zunächst darauf an, festzustellen, wie schnell dieses Ereignis vor sich ging bzw. wie lang es sich hinzog. Einerseits wird ein allmähliches, graduelles Aussterben angenommen, dessen Ursachen in einem durch die fortschreitende kontinentale Drift hervorgerufenen Wandel der globalen Umweltbedingungen zu suchen sind. Andererseits wird eine kurzfristige katastrophale Veränderung in der Umweltsituation proklamiert, die gewissermaßen auf einem Schlag viele Tierarten vernichtete und so zu einem abrupten Massensterben führte. Als Auslöser dieser Katastrophe werden extraterrestrische Ursachen, insbesondere der Einschlag eines oder mehrerer Himmelskörper auf der Erde, angesehen. Im Folgenden sollen beide Theorien etwas genauer betrachtet werden.